1 Geschrieben Sonntag, August 26, 2007 @ 11:26:43
Tatort Chefetage
Gelder fließen in dunkle Kanäle, Verantwortliche in Top-Positionen fälschen Bilanzen, Chefs arbeiten aufs eigene Konto: Wirtschaftskriminalität ist ein Wachstumsmarkt. Jüngste Zahlen dokumentieren einen Anstieg um gut 23 Prozent. Lesen Sie bei e110 wie die Geldgier in Deutschland boomt und wie die Polizei den "Schwarzen Chefs" auf die Schliche kommt.
Meist kommen nur spektakuläre Fälle in die Schlagzeilen, wie der Kölner Korruptionsverdacht um den Müllunternehmer Trienekens, Skandale auf dem Börsenparkett oder jüngst der Bilanz-Skandal des US-Telefonkonzerns WorldCom. Den öffentlichen Kassen von Bundesländern und Kommunen oder Firmen gehen Millionensummen verloren.
Die flaue Konjunktur wird nach Auffassung von Experten die ohnehin schon gestiegene Zahl der Delikte vermutlich weiter in die Höhe treiben. Ermittler in Bund und Ländern setzen auf eine Reihe von Strategien, um kriminellen Finanzjongleuren und Betrügern auf die Schliche zu kommen, ergab eine dpa-Umfrage.
Nur die Spitze des Eisbergs
Nach der jüngsten Polizeilichen Kriminalstatistik stieg die Zahl der ermittelten Fälle 2001 im Vergleich zum Vorjahr um 23,1 Prozent auf 111 627. Für den Anstieg sind zum großen Teil komplexe Verfahren mit massenhaft Einzelfällen verantwortlich. Die kleinste Gruppe der ermittelten Verdächtigen verursachte den größten Schaden. Die aufgedeckten Betrügereien und Schäden sind Experten zufolge jedoch nur die Spitze des Eisbergs.
Schätzungen in Berlin zufolge werden alleine auf Baustellen in der Hauptstadt durch Schwarzarbeit 3,5 Milliarden Euro am Fiskus vorbei erwirtschaftet. «Die Spionageschäden sind schwer zu beziffern. Fremde Schätzungen schwanken bundesweit zwischen 4 und 7,5 Milliarden Euro im Jahr», sagte Martina Schaffer vom Niedersächsischen Verfassungsschutz. Der Frankfurter Wirtschaftskriminologe Hans See schätzt den jährlichen Schaden durch die Wirtschaftskriminellen auf bis zu 150 Milliarden Euro, ohne die dazugehörenden Formen der Umweltkriminalität. Dies ist weit mehr als die Hälfte des
bundesdeutschen Haushaltes 2002 mit 247,5 Milliarden Euro.
Zur «Wikri» zählen viele Delikte
Das Delikt «Wirtschaftskriminalität» ist dabei kein abgegrenzter Straftatbestand, eine klare Definition ist kaum möglich. Der Ausdruck dient als Sammelbegriff für eine Vielzahl von Straftaten, die zu Lasten von Unternehmen gehen, durch die Firmengewinne kriminell erwirtschaftet oder Finanzen am Fiskus vorbei geschleust werden. Zur «Wikri», wie sie im Jargon der Ermittler heißt, gehören nach Paragraf 74 im Gerichtsverfassungsgesetz Dutzende Delikte: Diebstahl, Bestechung, Industriespionage, Unterschlagung, Wucher und vieles anderes mehr.
Schwerpunktstaatsanwaltschaften, Kooperationen zwischen Behörden, oder Finanzermittler: Während die Kriminellen ihre immensen Gewinne zum Teil in Yachten, teuere Autos oder Immobilien investieren,
versuchen die Fahnder, der schwarzen Kassen Herr zu werden. Allein in Bayern wuchs die Summe der beschlagnahmten Gelder von 1998 bis 2001 von rund 5 Millionen Euro auf 82 Millionen Euro an. Im Zeitalter des Internets mit immer schnelleren, grenzüberschreitenden Finanz-Transaktionen keine leichte Aufgabe. Europol zufolge zirkulierten im Jahr 2000 weltweit rund 500 Milliarden US-Dollar aus der Geldwäsche - auch aus der Wirtschaftskriminalität.
Vertrauen in die Aktienkultur über Jahre hinaus erschüttert
Doch nicht selten sind es die Betrogenen selbst, die von einer Anzeige absehen. «Aus Angst vor negativer Berichterstattung unterlassen sie es oft, Strafanzeige zu stellen», sagte Uwe Wendt von
der Lübecker Staatsanwaltschaft über Erfahrungen mit Banken. Manche Opfer von Anlagebetrügereien scheuen den Weg zur Polizei, da die Gelder selbst nicht legal erworben wurden. «Dass die Geschädigten Unternehmen nicht die Öffentlichkeit suchen, ist verständlich. Unternehmen brauchen den geschäftlichen Erfolg, nicht die Publizität durch Schäden, die Kriminelle anrichten», sagte der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Michael Rogowski.
Neben den immensen Schäden ist ein Vertrauensverlust Folge der kriminellen Machenschaften. Durch Bilanzfälschungen und kriminelles Handeln haben Manager nach Ansicht der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) das Vertrauen in die Aktienkultur auf Jahre hinaus erschüttert. «Es ist ein fataler Eindruck entstanden. Mit schlicht kriminellen Methoden und laienhaften Vorstellungen, wie ein Betrieb zu führen ist, sind Unternehmen an die Wand gefahren worden», sagte DSW-Geschäftsführer Jörg Pluta. Die Vernichtung von Vertrauen und Vermögen schreie «geradezu nach einer umfassenden gesetzlichen Neuordnung des Anlegerschutzes in Deutschland».
Metropolen sind Magneten für geschulte Ganvon
Die kriminellen Machenschaften der Finanzjongleure sind in den Bundesländern dabei unterschiedlich ausgeprägt. Zum Beispiel sind die finanzstarken Länder Bayern und Baden-Württemberg oder die Metropolen Hamburg und Berlin entgegen Mecklenburg-Vorpommern oder Brandenburg geradezu Magneten für die meist gut geschulten Ganoven. Überwiegen in einigen Ländern Kapitalanlagebetrug oder Insolvenzstraftaten, sind es in anderen Betrügereien mit Scheckkarten oder Veruntreuungen.
Tatort Chefetage
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