Wenigstens beim Fussball sollten Jungs von der Wohlfühl-Kuschel-Pädagogik verschont werden. Zu dem Thema passt auch sehr gut der nachfolgende Artikel aus Spiegel Online vom 05.04.08 :
SPIEGEL ONLINE: Herr Bergmann, warum stecken die Jungen in der Krise?

DDP
Kindergarten (in Oberwiesenthal): "Da wird doch sofort der Morgenkreis einberufen"
Wolfgang Bergmann: Das bestreite ich vehement.
SPIEGEL ONLINE: Aber die schulischen Leistungen legen das doch
nahe: Jungen haben schlechtere Noten und brechen häufiger die Schule ab
als Mädchen.
Bergmann: Da sehen Sie mal, wie verengt unser Blickfeld ist. Man
kann aber Lebenserfolg glücklicherweise nicht nur an Schulnoten messen.
Sonst hätten Sie in der Tat Recht.
SPIEGEL ONLINE: Dann ist also alles in Ordnung?
Bergmann: Überhaupt nicht. In Sachen Erziehung und Schule läuft
es für die Jungen zurzeit wirklich schlecht. Hier hat sich eine
Wohlfühl-Kuschel-Pädagogik eingeschlichen, die den kleinen Jungs
gewaltig auf die Nerven geht.
SPIEGEL ONLINE: Weil in Kindergärten und Grundschule fast nur Frauen arbeiten?
Bergmann: Das hat sicher damit zu tun. Es geht aber mehr um
diese generelle Antigewalt-, Antikörperlichkeit-,
Antimännlichkeitserziehung. Auch die männlichen Pädagogen haben ja
dieses seltsame Umhüllungs- und Friedensideal soweit übernommen, dass
es schnurz ist, ob ein Mann oder eine Frau verantwortlich ist. Wenn
heute im Kindergarten beim Ballspielen eine Fensterscheibe zu Bruch
geht, wird doch sofort der Morgenkreis einberufen. Jungen haben heute
kaum noch die Fähigkeit, sich selbst in ihrer Körperlichkeit, in ihrer
männlichen Durchsetzungsfähigkeit kennenzulernen. Sie werden mit Teilen
ihrer Männlichkeit überhaupt nicht mehr bekannt.
SPIEGEL ONLINE: Welche männlichen Eigenschaften oder Verhaltensweisen meinen Sie?
ZUR PERSON
Wolfgang Bergmann ist Erziehungswissenschaftler und Autor
zahlreicher Bücher und Aufsätze über Kinderpsychologie. In seinem Buch
"Kleine Jungs - große Not. Wie wir ihnen Halt geben" fordert er für
Jungen eine andere Art von Förderung und Zuwendung als für Mädchen und
beschreibt die Probleme von Jungen beim Aufwachsen in einer
hauptsächlich weiblichen Umwelt.
Bergmann: Es geht um die einfachsten Dinge: Wenn zwei Jungs im
Kindergarten raufen, um die Hierarchie untereinander festzulegen, dann
hat ein Pädagoge da nichts zu suchen. Jungs machen ihre
Sozialisierungs-Erfahrungen anders. Übrigens: Wenn heute in Sachen
Jugendgewalt bei Schlägereien noch hemmungslos zugetreten wird, wenn
der andere schon am Boden liegt, hat das zum Teil auch damit zu tun,
dass die Jungs gar nicht mehr wissen, was sie dem Gegenüber damit
antun. Es fehlt ihnen an der eigenen körperlichen Erfahrung. Wenn ich
hyperaktive Kinder oder jugendliche Computersüchtige habe, schicke ich
sie reihenweise zu den Pfadfindern, weil dort noch das Erleben von
Körperlichkeit möglich ist. Ich kann mich doch nur mit nach außen
gewendeten Aktionen selbst als Körper erfahren. Erst dadurch entwickeln
Jungs eine eigene Empfindsamkeit, die sie brauchen, um sich in den
anderen hinein zu versetzen.
SPIEGEL ONLINE: Sollen etwa Eltern, Erzieher, Lehrer aggressive Jungs einfach prügeln lassen?
Bergmann: So lange es ungefährlich ist, unbedingt. Das ist
Erlernen von sozialen Verhaltensweisen. Jungs sind schon im zarten
Alter von zwei bis vier Jahren völlig anders als Mädchen. Sie müssen
ihre Erfahrungen mit dem Raum um sie herum auch mit männlicher Wucht
machen können. Wenn das blockiert wird, wird die kognitive und soziale
Entwicklung eines Jungen gehemmt. Gleichzeitig werden sie dann
eingehüllt in diese weibliche harmonische Lebenswelt, die ihnen
unendlich auf den Keks geht. Im Grunde ist es ein Wunder, dass es noch
so viele seelisch gesunde Jungen gibt.
SPIEGEL ONLINE: Wo sehen Sie Versäumnisse der Schulen?
Bergmann: Man müsste die Schulen und Kindergärten öffnen und
Männer reinholen. Gar keine gelernten Pädagogen, die tun den Kindern
meist ohnehin nicht so gut. Stattdessen Handwerker, Bildhauer, Männer
mit Lebenserfahrung und einer starken Biografie, auch mit autoritären
Zügen, an denen man sich orientieren kann. Jungs brauchen das. Sie
lernen gegenständlicher, materialhafter. Schauen Sie doch nur, wie die
am Hausmeister hängen, wenn das ein kinderlieber Mann ist. Die fahren
voll auf diesen praktischen Typen ab.
SPIEGEL ONLINE: Das erklärt noch nicht, warum Jungen schulisch schlechter abschneiden.
Bergmann: Jungs müssen heute in der Schule Dinge tun, die sie
überhaupt nicht können: alles, was ganz gleichmäßig und regelmäßig
verläuft. Sie können dagegen sehr schnell in Bildwelten interagieren
und reagieren. Im Visuellen sind die Jungen hochgradig effektiv. Das
spielt aber in der Schule keine Rolle. Es wird von links nach rechts
gelesen und dann wieder von vorn. Alles verläuft gleichmäßig:
Stillsitzen und Zuhören. Die Jungs werden in dieser Lust von Ordnung
schier verrückt. Deshalb lehnen sie dieses System dann einfach
unwillkürlich ab. Und wenden sich anderen Dingen zu.
SPIEGEL ONLINE: Computerspielen zum Beispiel.
Bergmann: Gut, dass Sie das ansprechen. Das ist nämlich auch so
eine Entwicklung, die völlig falsch verstanden wird. Schauen Sie sich
doch mal die moderne Kultur an: Internet, globale Wirtschaft,
Börsengeschehen, die ganze digital durchwirkte Gesellschaft - das ist
eine reine Männerproduktion. Es gibt bei der Entwicklung des Internets
und den digitalen Technologien keine bedeutenden weiblichen Anteile.
Unsere Wirklichkeit besteht aus reinen Männerfantasien. Es ist nämlich
gerade nicht so, dass die Gesellschaft die Männer an den Rand gedrängt
hat, im Gegenteil: Was wir heute erleben, ist die Fortsetzung und
Zementierung der Männerkultur mit digitalen Mitteln. Die Frauen sind
nicht zufällig noch immer nicht in den Spitzenpositionen angekommen.
Sie bewegen sich lediglich hervorragend in einem Bildungsideal, das gar
nicht mehr zeitgemäß ist. Die Jungs sind da schon längst wieder weiter.
Das wird die männliche Dominanz fortschreiben.
SPIEGEL ONLINE: Und das wäre Ihre Warnung an alle Frauen, die glauben, endlich am Ziel zu sein?
Bergmann: So ist es. Das Lesen und Schreiben, das die Mädchen
nachweislich besser können, ist zutiefst verschieden vom Lesen und
Schreiben und Interagieren im Internet. Für die Bewältigung, das
schnelle Reagieren und die Selektierung der heutigen Medien- und
Bilderflut, von den Börsen bis in andere digitale Vorgänge, dies alles
lernen die kleinen Mädchen nicht. Sie lernen, sich in der Schule
anzupassen. Sie erlernen Fähigkeiten, die man in einer Gesellschaft
modernen Zuschnitts nicht mehr unbedingt braucht.
SPIEGEL ONLINE: Von solchen Entwicklungen um sich herum können
kleine Jungen noch gar nichts wissen - wie können sie dann aus einem
Erziehungssystem, wie Sie es beschreiben, ausscheren?
Bergmann: Das ist in der Tat faszinierend. Ich glaube, das ist
kulturelles Menschheitserbe. Von den antiken Philosophen bis zur
digitalen Revolution der Neuzeit, all diese fantastischen, Zeit und
Raum überspringenden Welten, all das ist doch eine durchgängige
Geschichte des männlichen Geistes. Und die Jungen von heute schließen
sich sowohl biologisch wie mental daran an. Nur merkt das niemand. Das
ist ein somatisch unbewusster Vorgang - eine lange
Menschheitsgeschichte, die sich mit jeder Generation fortsetzt. Daran
wird auch die propagandastärkste Emanzipation nichts ändern.
Das Interview führte Jochen Schönmann