1 Geschrieben Samstag, Dezember 20, 2008 @ 02:11:30
Reisebericht von Matthias R. aus einem der älteren „Lauffeuer“
Nachdem alle Vorbereitungen getroffen waren, jeder mitzunehmende Ausrüstungsgegenstand sorgfältig bedacht und die unabkömmlichen makrobiotischen Zutaten verstaut waren, bestiegen wir eines Nachmittags endlich den Zug; nicht nach Jelenia/Hirschberg in Polen, wie ursprünglich vorgesehen, sondern der besseren Verbindung wegen erst einmal nach Zittau, der südöstlichsten Stadt der ehemaligen DDR.
Wir – das sind Marion und ich - wollten einen langen Traum verwirklichen: die eigene Habe auf dem Rücken tragend zu Fuß von Ort zu Ort ziehen. Keine modernen Verkehrsmittel, weitab vom Lärm der Städte, Verzicht auf unnötigen Luxus. Die Langsamkeit der Fortbewegung sollte uns helfen Natur wieder unmittelbarer wahrzunehmen.
Bei der Wahl des Gebietes, das wir erwandern würden, leitete uns eine Märchenfigur: Rübezahl – Berggeist aus vorchristlicher Zeit. Beschützer der Armen, Symbol verborgener Urkraft. Noch hatten wir die genaue Route nicht festgelegt.
In Zittau eingetroffen sahen wir uns zunächst mit einem alten Travellerproblem konfrontiert: Die wenigen verfügbaren Hotelbetten waren belegt, und von einem erschwinglichen Privatzimmer war in Laufnähe des Bahnhofs ohnehin keine Rede. Doch nach einer kleinen Odyssee, die durch die Hilfsbereitschaft der Lausitzer zu einem geradezu erfreulichen Erlebnis wurde, landeten wir in der selbst Taxifahrern unbekannten Pension „Dany“, wo wir sogar einen Herd benutzen konnten, um den Reis für unser Frühstück zu kochen. So gestärkt zogen wir am nächsten Morgen los, die Stadt mit den deutlichen Spuren der marktwirtschaftlichen Aufbereitung zu erkunden. Doch auch der Charme des Verfalls aus Vorwende-Zeit war noch erhalten, das Tempo war hier langsamer als im „goldenen“ Westen, die Menschen offener und freundlich.
Nach einigem Hin und Her gaben wir die Vorstellung auf, noch in Deutschland aufzubrechen, um schlussendlich das Riesengebirge zu erreichen, sondern bestiegen noch einmal die Bahn nach Lieberec/Reichenberg in Böhmen. Die Grenzkontrolle hinüber nach Tschechien war völlig unkompliziert. Wir hatten bereits Bedenken gehabt, wie die Zollbeamten wohl das mitgebrachte Kuzu interpretieren könnten, das weiße Pulver in unserem Gepäck. Gemütlich zockelte der kleine Zug hinein ins Land. Wir waren plötzlich Fremde geworden, die Menschen um uns ärmlicher gekleidet, die Gesichter ausgemergelt.
In Liberec erstanden wir die Karte fürs Isergebirge zum Zehntel des Preises, den wir zu Hause bezahlt hätten. Dann mussten wir noch etwas Bus fahren, um dieses Zentrum der Region Nordböhmen hinter uns zu lassen. De letzte halbe Stunde ging es in engen Kurven bergan. Plötzlich hielt der Bus. Endstation. Ein kleiner Laden, ein geschlossenes Restaurant, einige verstreute Häuschen. Zahlreiche Schildchen zu den hier üblichen Betriebsferienheimen, dazwischen auch eines mit der Aufschrift „Hotel Achat“. Warum nicht diesem folgen?
Wir luden unsere Rucksäcke auf, und endlich konnte die Wanderung beginnen. Eine knappe Stunde ging es bergan; noch war es sehr mühsam. Wir ächzten unter der ungewohnten Last. Zuerst waren wir dann sehr enttäuscht, als ein großer Hotelkasten vor uns auftauchte, doch an seiner Seite gab es auch einfache Holzhütten, von denen man uns eine für geringes Entgelt überließ. Wir waren zu faul jetzt noch den Kocher in Aktion zu setzen und begaben uns zum abendlichen Mahl ins Restaurant. Zum ersten Mal ein Essen, das bald zum Standard werden sollte: Forelle mit Reis, zuweilen auch gebratene Kartoffeln und Salat, der hier meistens eingelegt ist und unseren Pickles nahe kommt. Wir besserten mit etwas Shoyu und Umepaste nach, ein Bier dazu, und eine gar nicht so unausgewogene Nahrung für unsere Wanderschaft war kreiert.
Am nächsten Morgen ließen wir uns viel Zeit. Nach den obligatorischen Morgenübungen gab es ein ausgiebiges Frühstück mit Misosuppe, Getreide, Gemüse und Fu – noch hatten wir reichlich Vorräte, die auch einiges an Gewicht bedeuteten, das wir nach Möglichkeit reduzieren wollten. Wohlgemut räumten wir unsere Habseligkeiten zusammen, füllten noch etwas Banchatee ab und brachen auf. Zum Kamm hinauf, bei strahlendem Sonnenschein, ein schmaler Weg zwischen idyllischen Holzhäuschen. Marion hatte sich am Abend zuvor vielleicht etwas zu intensiv mit einem jungen Hund abgegeben; nun folgte er uns, treublickend und schwanzwedelnd. Nach einer Stunde Weges blieb er immer noch nicht zurück, trotz eindringlichen Zuredens. Was blieb zu tun? Ich nahm das Tier auf den Arm, ließ Marion mit den Rucksäcken zurück und trug es nach unten. Mit einem kleinen Schubs verabschiedet trollte es sich in der Hotelzufahrt schließlich von dannen. Ohne Gepäck ging es rasch wieder hinauf.
Auf der Karte hatten wir einen Stausee entdeckt, an seinem Ufer wollten wir eine lange Rast halten. Ein letztes unbewohntes Haus, dann ging es den Forstweg hinab. Außer uns unverständlichen Verbotsschildern schienen wir alle Spuren der Zivilisation hinter uns gelassen zu haben: dichter Wald, ein kristallklarer See. Vogelgezwitscher – sonst nichts. Wir fanden einen bequemen Platz und genossen für Stunden die ungewohnte Stille und Abgeschiedenheit. Es war schon später Nachmittag, als wir weitermarschierten.
Kaum waren wir um zwei Ecken gebogen, erschien als Kontrast zur unberührten Natur das mächtige Bauwerk eines Staudamms vor unseren Augen. Wir benutzten ihn, um auf die andere Seite des Tales zu queren, und stiegen dann hinab nach Josefuv Dul, dessen Kirchturmspitze wir schon von oben gesichtet hatten. Nach Unterkunft Ausschau haltend zogen wir die Dorfstraße entlang. Im Garten neben einem großen Holzhaus strich ein junger Mann den Zaun. Wir drehten uns zweimal um, dann sprachen wir ihn an. Ja, für DM 10,00 pro Person gäbe es ein Zimmer. Als er uns hinauf führte, fanden wir uns als erstes in einer vollständig eingerichteten Küche wieder. Selbstverständlich blieben wir. Sogar für eine zweite Nacht. Da sonst keine Gäste mehr anwesend waren, hatten wir Haus und Garten völlig zu unserer Verfügung, konnten uns beim Kochen beliebig ausbreiten. Wir genossen die Sonne, gaben uns gegenseitig Shiatsu, lasen die Geschichten von Rübezahl – Erholung pur. Obwohl wir am Samstagmorgen versäumt hatten einzukaufen und also ohne frisches Gemüse waren, zauberten wir während des ganzen Wochenendes aus unserem Trockenproviant und drei übriggebliebenen Frühlingszwiebeln, Brennnesseln, Löwenzahn und weiteren Kräutern köstliche Mahlzeiten.
Doch dann hieß es wieder weiterziehen. Diesmal sollte es nun bereits auf eine Höhe von über tausend Metern gehen. Jizerka hieß unser Ziel. Lange blieben wir auf geteerter Straße, es war bereits Mittagszeit und sehr heiß. Dann bogen wir ab und langten am Rande eines Tales an: Unübersehbar und grausam standen vor uns die Folgen des Waldsterbens. Hier waren nicht mehr nur die Wipfel ausgedünnt, der „Lametta-Effekt“ war längst Vergangenheit, nur noch vereinzelte Bäume standen. Dazwischen begann man neue anzupflanzen. Am nächsten Kamm sollte es noch schlimmer kommen. Die toten Bäume waren noch nicht fortgeschafft, wie Gebeine ragten die bleichen Stümpfe in die Luft – ein gespenstischer Anblick.
Unten im Tal dagegen schien alles vergessen: ein klarer Bach, in dem wir ein Bad nahmen, schattenspendende Tannen, eine versteckte Burgruine. Ein Missgeschick kam hinzu, das zeigte, wie leicht die Betroffenheit über die Zerstörung unserer Umwelt durch alltägliches Ungemach überdeckt wird: Als wir mittags unsere kleine Brotzeit auspackten, entdeckten wir, dass das Glas mit der Umepaste fehlte. Wir hatten es wohl in unserer letzten Unterkunft zurückgelassen. Nun mussten wir ohne solches Elixier auskommen.
Am Abend langten wir in einem Hochtal an. Nur wenige „Bauden“, wie die großen und festen Berghütten hier heißen, lagen verstreut über die wiesen. Die letzte davon, das liebevoll zur Pension umgestaltete ehemalige Zollhaus, sollte uns als Herberge dienen. Zahllose Hunde hielten sich die Besitzer, darunter eine Bernhardinerhündin mit putzigen fiependen Welpen, die sie noch säugte.
Nach dem Abendessen zog uns der Schein eines Lagerfeuers an, an dem wir die Bekanntschaft einiger Schulabgänger aus Thüringen machten. Sie erzählten uns auch von einem wohlbekannten Traveller, der sich hier in einer Baude eingerichtet hätte, vor der man zahllose Schilder von Hotels, Straßennamen, Bushaltestellen aus aller Herren Länder fände. Er führe ein offenes Haus, doch sei er augenblicklich wieder „auf Trebe“, diesmal in Australien.
Am anderen Tag ging es hinaus ins Tal der Iser, die hier die Grenze nach Polen bildet und auf deren anderer Seite das Riesengebirge beginnt. Wieder fanden wir uns in völliger Einsamkeit, nur vom Duft des Waldes und dem Zwitschern der Vögel umgeben. Die Steine im Fluss luden ein zu schlichter Meditation….
Zurück in die Welt des Verkehrs und der Betriebsamkeit erreichten wir am späten Nachmittag Harrachov/Harrachsdorf – Westeingang zum Krokonosk/Riesengebirge. Ein schüchternes Mädchen in einer Zimmervermittlung nannte uns als Unterkunft das Haus Nr. 120. Schnell füllten wir vor Ladenschluss noch unsere Beutel im neuen Dorfladen mit Reis, Linsen, Gemüse und Champignons, Rosinen und einem Stück Melone. Es gab sogar Nüsse in Naturkostqualität.
Im verwunden wirkenden Haus Nr. 120 wurden wir herzlich begrüßt. Zwar befand sich alles in einem schon pittoresken Durcheinander, doch war das Zimmer reinlich, unter einem Stapel Papier wurde schnell noch eine zweite Kochplatte hervorgezogen, und wir konnten nur staunen, dass das Leben auch in einer solchen Anhäufung von Provisorien funktionierte. Wir tischten ein Festmahl auf, während die untergehende Sonne das verwinkelte Zimmer vergoldete.
Auch am nächsten Morgen ließen wir uns Zeit, denn von jetzt an würd es in die Berge gehen, ohne große Möglichkeit sich noch selbst zu versorgen. Eine Unterredung mit unserer aufgedrehten Hauswirtin brachte uns auf die Idee die Reiseroute etwas abzuändern, so dass wir nicht wie geplant schon heute zum vielbekannten „Kammweg“ hinaufstiegen, sondern erst einmal die Annehmlichkeit eines Doppelsessellifts in Anspruch nahmen, um über den Dartova hora jenen erst später zu erreichen.
In etwas über tausend Metern über NN erreichten wir am Abend die Dvoracky-Baude. Eine Schar Jugendlicher führte hier das Haus, abgelegen von allen uns so selbstverständlich gewordenen Vergnügungen der Konsumwelt. Als Ausgleich lief offenbar ununterbrochen ein großer Fernsehapparat auf dem Musikkanal MTV in voller Lautstärke. Eine Herausforderung für unsere Toleranz nach all den Tagen stillen Wanderns.
Doch ungewöhnlich frisch zogen wir anderntags weiter. Vorbei an der Elbquelle, der Marion in Erinnerung an den Zustand der Elbe im Bereich Hamburg eine Stunde lang intensiv Reiki gab, zur schönen Martinsbaude. Dort verzehrten wir zum Mittag eine gegrillte Forelle – (Not haben wir bestimmt nicht gelitten in diesen Tagen!) Danach lagen wir lange knapp unterhalb der Baumgrenze, die hier bei etwa 1.200 m über NN liegt, im kühlen Schatten und freuten uns der schönen Bergwelt. Noch lag ein Stück Weges vor uns bis zur großen Bade am Spindlerpass, mit der wir schließlich doch den „Kammweg“ erreichten. Er sollte uns auf die Schneekoppe, den höchsten Berg des Riesengebirges hinaufführen.
Schon am Abend, als wir in gebührendem Abstand vom Hotel unser Picknick abhielten, boten uns dann Gewitterwolken im Westen ein gewaltiges Schauspiel. Am nächsten Morgen wurden wir vom gleichmäßigen Takt der aufs Dach trommelnden Regentropfen geweckt. Nur zweimal hatte es in der Ferne gedonnert – draußen dichter Nebel, man sah die Hand vor Augen nicht. Nach dem Frühstück – bereitet mit unserem Kocher im Hotelzimmer – immer noch strömender Regen. Allzuschnell gaben wir auf, ließen wir uns von Rübezahl – wie wir es im Nachhinein gerne betrachten – einen Streich spielen. Wir suchten den Bus hinab nach Spindlermühle. Hinaus auf den Parkplatz getreten konnten wir nur dem Motorengeräusch folgen. Nichts war zu sehen. Hoffentlich fährt er uns nicht vor der Nase davon! Geschafft – da tauchte der graue Kasten vor uns auf.
Schon nach kurzer Fahrt hörte der Regen auf. Frisches Grün des nassen Bergwaldes. Der Duft von nassem Waldboden. Unten angekommen nahmen wir ein fast zu kräftiges Mittagsmahl zu uns – wieder gegrillte Forelle, viel Auswahl gab es für uns nicht in den Restaurants, alle anderen Gerichten enthielten Fleisch. Erste Sonnenstrahlen verlockten uns zu einem Spaziergang entlang der Elbe. Doch dann grämten wir uns immer mehr. Warum hatten wir so widerstandslos, so voller Ungeduld die reine Höhenluft verlassen? Gibt es noch Umkehr. Plötzlich blieb Marion mitten auf dem Weg stehen. „Los, lass‘ es uns versuchen!“, sagte sie, und zog mich zurück. Wir sahen uns an, und dann drehten wir um, fast rannten wir. Ergriffen wieder Sack und Pack, die bereits in einer Pension eingecheckt waren. Schnell war ein Taxi gefunden, das die Busfahrt rückgängig machte. Dann brauchten wir nur noch am Spindlerpass um die Ecke zu biegen und den Stock zur Hand zu nehmen, um alle Unrast des Tales zu vergessen und in Rübezahls Reich zurückzukehren.
Es war später Nachmittag, noch hingen schwere Wolken um die Gipfel, aber der Regen hatte aufgehört. Steil ging es bergan, der nun schon gewohnte Tritt stellte sich ein. Eine bizarre Felsformation. Graue Nebelfetzen zogen aus dem Tale herauf. Doch dann ein Windstoß, die Kuppe vor uns lag frei. Kurze Stärkung mit Nüssen und Obst. Weiter, der Tag war nicht mehr lang, und wir wollten noch auf die Schneekoppe hinauf. Links unter uns Schneefelder. Nach der nächsten Kuppe blickten wir 500 m senkrecht hinab: dunkelblaue Bergseen. Unergründliche Tiefe. Einige zaghafte Sonnenstrahlen kehrten zurück. Vor uns musste die Schneekoppe liegen. Da – zwischen den Wolken konnte man plötzlich die futuristischen Formen der Bergstation erkennen. Dieser Anblick verlieh uns neue Kräfte, und bald standen wir am Fuß des Bergkegels. Ein steiniger, aber gesicherter Weg zog steil hinauf. Links hatten nun den Blick auf Polen, vormals Schlesien. Ohne Übergang fiel der Berg von 1.600 m über NN in die Ebene ab. Man konnte die Felder und Dörfer des friedlichen Landes erkennen. Rechts nach Böhmen hinein zogen sich dunkle Bergtäler. Wir wagten den Aufstieg, auch wenn wir von Höhenangst nicht ganz frei blieben, denn oben winkten uns Nachtmahl und Herberge. Eine Ewigkeit schien es zu dauern, bis wir Schritt um Schritt den Gipfel erreichten, von den schweren Rucksäcken immer wieder aus dem Gleichgewicht gebracht. Faszination und Schwindelgefühl gaben sich die Hand. Schließlich öffneten wir die schwere Tür zum Aussichtsrestaurant. Alle Stühle hochgestellt, nur ein paar lärmende Jugendliche in den angrenzenden Zimmern. Auch nach beharrlichen Fragen nur abschlägige Antworten: kein Zimmer, keine Unterkunft. Im Haus schienen Aggressionen und Unmut zu regieren. Auf den harten Stein des Restaurantfußbodens könnten wir uns schon packen. Was nun?
Es war die Zeit des Sonnenuntergangs, der nächste sichere Ort zwei Wegestunden entfernt. Erst einmal eine Instant-Misosuppe zur Stärkung, Reiscracker hatten wir auch noch. Wir wollten ein warmes Bett, also mussten wir es wagen; diesmal allerdings bergab. Kurz statteten wir noch der Kapelle einen Besuch ab: Hier wirkten noch die Kräfte der grauen Vorzeit in der Schlichtheit der dicken Mauern aus Fels.
Auf der anderen Seite war der Berg weniger steil. Wir mussten uns bremsen, denn mit der zunehmenden Müdigkeit wurde die Achtsamkeit geringer. Der Himmel verklärte sich zu einem märchenhaften Sonnenuntergang. Ein sanftes Rauschen der Latschenkiefern, manchmal ein Vogel. Die Welt schien den Atem anzuhalten in der Unentschiedenheit zwischen Tag und Nacht. Geheimnisvoller Friede. Wir hatten die Burg des bösen Zauberers, so sahen wir nun die Bergstation der Schneekoppe im Gegenlicht oben auf dem Gipfel, unbeschadet hinter uns gelassen. Trotz der hereinbrechenden Nacht erfüllte uns das Vertrauen zur Urmutter Erde. Wir hatten gute Kondition gesammelt: Immer noch reichten unsere Kräfte.
Nach einer Stunde trafen wir auf eine einzelne Baude. Ein Emailleschild mit der Aufschrift „Nachtglocke“ versprach Herberge. Doch auf das Klingeln keine Reaktion. Sollten wir im Freien nächtigen? Gerade noch konnte man den Weg erkennen, der jetzt allerdings nicht mehr so steinig war, teils sogar befestigt. Auch das letzte Stück werden wir noch schaffen. Die Taschenlampe kam zum Einsatz. Gegen 11.00 Uhr des Nachts langten wir bei den Grenzbauden „Pomenzy boudy“ an. Dort brannte noch Licht. Man öffnete uns auf das Klopfen. Und per Telefon wurde der Rezeptionschef des Hotels Druzba, einer Baude von gewaltiger Größe, die den Eindruck einer der riesigen Kanalfähren vermittelt, herbeigeholt. Im Bauch dieses Baus hinter mächtigen Mauern bezogen wir Nachtlager und labten uns an einem späten Bier.
Nach einer selig durchschlafenen Nacht war es schließlich doch Zeit zur Abreise. Auf beinahe mythische Weise waren wir ans Ziel gelangt. Mit dem Bus verließen wir Rübezahls Reich, fuhren hinab nach Trutnow und von dort weiter nach Prag. Prächtig rollte sich das fruchtbare Land in der Hitze des Sommertages vor uns aus. Sogar für einen Spaziergang durch die „goldene Stadt“ blieb noch Zeit: Buntes Leben erfüllte die Straßen, hinter jeder Ecke erklang Musik, Galerien und Museen allerorts – hier hieß uns Kultur in ihrer vollendeten Form willkommen.
Glücklich bestiegen wir in letzter Minute den Zug nach Berlin, der noch einmal ein langes Stück die Elbe begleitete. Dass wir uns auf die Dienste des Zugrestaurants verlassen hatten, war allerdings etwas zu optimistisch gewesen. Noch nicht einmal das auf der Karte angekündigte Sauerkraut war erhältlich.
Zur Mitternacht gab’s, nach Hause zurückgekehrt, ein Ume-Sho-Kuzu – zum Abschluss einer wunderbaren Etappe, während der uns vor allem der unmittelbare Kontakt mit der Natur zu tieferer Ausgeglichenheit verholfen hat. Mit neuem Mut können wir nach einer solchen Erfahrung auch beschwerlicher erscheinende Wegstrecken der nie endenden Wanderung meistern…
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"You don't get to choose how you're going to die. Or when. You can only decide how you're going to live. Now." Joan Baez, Singer, Songwriter and Activist