1 Geschrieben Freitag, Dezember 19, 2008 @ 23:16:18
Reisebericht von Matthias R. aus einem der älteren „Lauffeuer“
Es begann mit einem Nachtflug. Um Landgebühren zu sparen, starten die Billigflieger zur Ferieninsel Teneriffa am späten Abend. Wie die Schafe versammelten sich Hunderte sonnenhungriger Urlauber zur Abfertigung. Es fiel schwer im Gedränge die Geduld zu bewahren. Endlich waren wir in der Luft. Da wir versäumt hatten ein fleischloses Essen vorzubestellen, mussten wir ganz auf das Angebot der Fluggesellschaft verzichten. Unser Magen hat es uns sicher gedankt, nicht noch mitten in der Nacht in Aktion treten zu müssen. In rasender Fahrt brachte uns schließlich ein Taxi vom Südflughafen über die leere Autobahn zu unserem Hotel im äußersten Norden der Insel, wo wir von einem freundlichen Nachtportier in Empfang genommen wurden.
Als wir am anderen Tag erwachten, senkte sich unser Blick vom Balkon auf die Weite des Meeres hinaus. Schon während des Schlafes hatte uns beständig das Rauschen der Brandung umhüllt. Als erstes mussten wir denn auch ein Bad in den salzigen Fluten nehmen, die all den Staub der Reise von uns nahmen. Das Wasser war angenehm frisch, die Luft warm, trotz des bedeckten Himmels, der sich während der kommenden zwei Wochen in diesem Teil der Insel nur selten aufheitern sollte, und wenn, dann am Nachmittag. Das Frühstück zu später Stunde bereiteten wir uns in der kleinen, aber ungewöhnlich funktionell eingerichteten Kochnische des Appartements. An einem der folgenden Tage würden wir auch das ungewöhnlich reichhaltige Frühstücksbüffet des Hotels ausprobieren; doch zwischen Müsli, Wurst, Käse, Joghurt, Quark, gezuckertem Fruchtsaft, Marmelade, Honig, Früchten und Nüssen war wenig Bekömmliches für uns zu finden.
Wir blieben also lieber Selbstversorger, und bald hatten wir auch erfahren, dass es im nächsten Ort zum Inselinneren einen kleinen Naturkostladen mit einem vollständigen Makrobiotiksortiment gab. Nicht nur das, es wurden auch makrobiotische Kochkurse angeboten. Marion versuchte mit dem Ladeninhaber ins Gespräch zu kommen, aber sein „Inglese“ war ungefähr so gut wie ihr „Espanol“, und Deutsch sprach er überhaupt nicht. Doch mit Händen und Füßen und ein paar Brocken Spanisch und Englisch kam heraus, dass es auf der Insel einheimische Makrobioten gibt. Er selbst schien sich intensiv mit der Makrobiotik zu beschäftigen. Schließlich lief er mitten im „Gespräch“ hinaus und kam zurück mit einem Prospekt vom IMI-Kiental – ob er schon an einem Kurs in diesem Institut in der Schweiz teilgenommen hatte, oder es erst vor hatte, blieb allerdings im Dunkel. Jedenfalls waren wir nicht mehr nur auf Sauerkraut und Mandeln aus dem „Supermercado“ angewiesen, sondern konnten uns mit Algen, Miso, Kuzu und allem, was das makrobiotische Feinschmeckerherz höher schlagen lässt, eindecken.
So wurde denn auch ein spätes Frühstück mit einer Vielfalt an Speisen zu unserer wichtigsten Mahlzeit. Mittags verspürten wir wenig Lust, mehr als einen Snack zu uns zu nehmen, angesichts der ungewohnten Wärme, und abends testeten wir dann meist in Gesellschaft die Restaurants auf der zu großen Teilen von Deutschen besetzten Insel. Dabei erwies sich die vielgepriesene hoteleigene Vollwertkost als äußerst schwer verdaulich und unausgewogen.
Ganz gute Erfahrungen machten wir hingegen mit der traditionellen Küche. Die Canarios leben in der Hauptsache von Fisch und Meeresfrüchten. Dazu gibt es Kartoffeln, in Meerwasser gekocht, so dass auf der Schale eine weiße Salzkruste verbleibt, und eine Tunke mit Kräutern, „Mocho verde“ genannt. Sehr gerne werden Kichererbsen gegessen, die als Eintopf mit Wurst und Fleisch zubereitet werden und so leider nicht auf unseren makrobiotischen Speiseplan passten. Aber die Erfahrungen vom Eintopfkochen kommen offenbar auch einer sehr leckeren und vor allem fleischlosen „kanarischen Gemüsesuppe“ zugute, die wir häufig als Vorspeise genossen.
Es war schon in der zweiten Hälfte unseres Aufenthaltes, als wir uns ein Auto mieteten und die Insel mit diesem Vehikel erkundeten. Wir trauten unseren Augen nicht, als wir in der Altstadt von Puerto de la Cruz, dem feudalen Touristenzentrum im klimatisch gemäßigten Norden der Insel auf ein Schild mit der Aufschrift „Macro“ stießen: wir hatten ein erst seit 10 Tagen eröffnetes makrobiotisches Restaurant entdeckt! Das Labsal eines köstlichen Essens addierte sich mit dem Bewusstsein, mit Gleichgesinnten vereint zu sein, zu einem außergewöhnlichen Glücksgefühl. Bald hatten wir auch die Bekanntschaft der jungen Spanierin gemacht, die, ohne selbst viel Erfahrung mit der Makrobiotik zu besitzen, dieses Restaurant eröffnet hatte, in dem eine junge Frau aus Uruguay mit ihrer Tochter kochte und einen makrobiotischen Teller servierte, der seinesgleichen suchte. Hier erfuhren wir auch von dem zweiten makrobiotischen Restaurant auf der Insel in der Hafenstadt Santa Cruz. Nur leider hatte das „Suribachi“ während unseres Aufenthaltes geschlossen.
In den langen Jahrzehnten der Touristeninvasion hat sich neben der umweltzerstörenden Infrastruktur für die Wirtschaft ein umfangreiches esoterisches Netzwerk unter den Exildeutschen entwickelt, dessen Angebote einen Urlaub ausfüllen können. Allerorts – auch in unserem Hotel – findet man die verschiedensten Therapien, die den Urlauber mit meist „naturheilkundlichen“ Methoden neue Gesundheit versprechen.
Ich denke jedoch, es war heilsamer, an den Hotelkomplexen und Bungalowdörfern vorbei eine faszinierende Landschaft mit dem Bergschuh zu erkunden und Edelsteintherapie, Kinesiologie, Ozontherapie und Magnetfeld links liegen zu lassen. Stattdessen werde ich mich gerne an den Rhythmus des Meeres erinnern, der von mir Besitz ergriff, wenn ich mich beim Schwimmen den Wellen des Atlantik überließ.
Teneriffa, die Insel des ewigen Frühlings, ist trotz des Massentourismus ein faszinierender Ort geblieben. Neben der staunenswerten Palette an Naturwundern hat es uns vor allem die Herzenswärme seiner Bewohner angetan, von den ungewöhnlich freundlichen und offenen Hotelangestellten über die laute Vitalität, wenn sich die Inselbewohner zum Tanz bei der alljährlichen „Fiesta“ begeben, bis zum Einsiedler in den Bergen, der sich so sehr darüber freuen konnte, dass sich zwei einsame Wanderer zu ihm verirrten.

Ein paar Rezepte, die ich aus diesem Urlaub mitgebracht habe, werde ich im Rezeptteil für euch einstellen.
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"You don't get to choose how you're going to die. Or when. You can only decide how you're going to live. Now." Joan Baez, Singer, Songwriter and Activist