Mormonen

Die Versetzung nach Caritonville

Posted in der Zehnte
Schockiert und ungläubig hörte ich den Missionspräsidenten sagen: „Bruder, wir versetzen Sie nach Carltonville. Morgen früh müssen Sie dort sein.”
Mein Mitarbeiter und ich hatten lange und hart gearbeitet, bei einer offenbar fruchtlosen Suche nach Menschen die sich für das Evangelium interessieren würden. In den ersten sieben Monaten Missionszeit war meine Begeisterung stark abgeflaut. Dann hatten wir Mrs. Phyllis Johnson kennengelernt, eine bezaubernde Engländerin, die Ende Sechzig war und der die Evangeliumsdiskussionen wirklich Freude bereiteten. Je mehr sie lernte, desto wißbegieriger wurde sie. Wie wohl schien nun alles zu stehen, und wie sehr liebte ich die Arbeit eines Missionars!
Erwartungsvoll sah ich ihrer Taufe — meiner ersten — entgegen, die für den kommenden Samstag angesetzt war. Jetzt aber riß mich der Missionspräsident aus dem Höhenflug meiner Schwärmerei. Als ich sein Büro verließ, hätte ich am liebsten geweint — doch ich konnte es nicht.
Ich sann darüber nach, wie vieles der Missionspräsident schon unter dem Einfluß der Inspiration gesagt hatte. Leise flüsterte etwas in meinem Innern: „Mark, nicht er, sondern der Herr hat diese Entscheidung getroffen.”
Mein neuer Mitarbeiter in Caritonville war erst seit einer Woche in diesem Gebiet, doch hatte er eine Liste derjenigen Einwohner dieses Ortes aufgestellt, mit denen bereits einige Lehrgespräche geführt worden waren. Er las mir die Liste vor, und als wir uns zum Beten niederknieten, fühlten wir beide, daß ein besonderer Geist unsere Versetzung bewirkt hatte. Während er die zwölf Namen dieser Liste vorlas, schien mir einer ins Herz zu dringen: Marshall!
Infolge des dichten Gestrüpps und des starken Regens war es schwer, auf der schmalen Straße vorwärts zu kommen, die zum Haus der Marshalls führte, doch als wir dort anlangten, war das Fenster erleuchtet. Mr. Marshall, überrascht, daß wir an einem so kalten und nassen Abend noch unterwegs waren, forderte uns herzlich auf, hereinzukommen und uns auf eine abgenutzte Couch im Wohnzimmer zu setzen. Wie wir jetzt erfuhren, stammten die Marshalls aus Neuseeland, wo Mrs. Marshall auch den Tempel vor dessen Weihung besucht hatte. Inzwischen waren sie aber mit ihren drei kleinen Kindern hierher nach Südafrika gezogen. Sie glaubten alles, was ihnen die Missionare gesagt hatten, mit einer Ausnahme: dem Zehnten.
„Dies kann ich einfach nicht akzeptieren”, sagte Mr. Marshall. „Und außerdem, Brüder”, — seine Stimme wurde leiser — „können wir es uns nun einmal nicht leisten, ihn zu bezahlen.” Er saß auf einem Stuhl, der einzigen an-deren Sitzgelegenheit, die es im Haus gab. Indem er auf seine abgetragenen Schuhe schaute, die schon im Begriff waren, sich in ihre Bestandteile aufzulösen, begann er wieder zu sprechen: „Wissen Sie”, — er hielt lange inne — „wir haben überhaupt kein Geld mehr.”
Mrs. Marshalls Schluchzen unterbrach das lange Schweigen. „In den letzten drei Tagen haben wir außer ein paar Aprikosen — sie stammen von dem Baum, der hinten in unserem Gärtchen steht — nichts zu essen gehabt”, sagte sie unter Tränen. „Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll. Die Aprikosen sind fast verbraucht, und die Kinder fangen schon an, um Essen zu bitten. Wir wissen nicht, wohin wir uns wenden sollen, denn wir kennen niemanden in dieser Gegend. Ach, was sollen wir nur tun?”
Ich fragte mich, wie man von diesen Menschen verlangen konnte, den Zehnten zu bezahlen; aber plötzlich wußte ich, wie ihr Problem gelöst werden konnte. Die stärkste Macht, die ich je verspürt habe, durchdrang mich, und ich erinnerte mich daran, daß man mich als Knaben dazu angehalten hatte, den Zehnten zu bezahlen, und daß dies ein Gebot des Herrn ist. Ich wußte auch, daß der Herr verheißen hat, er werde denen, die den Zehnten bezahlen, des Himmels Fenster auftun, und ich erkannte, daß sich dieses Gebot an arm und reich gleichermaßen richtete.
Ich richtete mich auf meinem Platz auf der Couch auf, ein Brennen erfüllte mein Herz und trieb mich zu den Worten: „Bruder und Schwester Marshall, ich verheiße Ihnen im Namen des Herrn, daß Sie immer zu essen und ein Zuhause haben werden, wenn Sie den Zehnten entrichten und der Kirche des Herrn beitreten.”
Regungslos saßen sie beide da und sannen über diese Verheißung nach. Dann sagte Mr. Marshall ruhig — seine Frau saß dicht neben ihm —: „Brüder, alles, was wir gehört haben, ist wahr. Jetzt habe ich erkannt, daß ich auch dies erfüllen muß.”
Wir trafen Vorkehrungen für ihre Taufe, die am nächsten Samstag stattfinden sollte. Gegen Mittag jenes Tages erhielten wir einen Anruf vom Missionsbüro. „Bruder, wenn Sie heute zur Taufe kommen, dann bringen Sie und Ihr Mitarbeiter Ihre Sachen mit zum Missionsbüro. Sie werden beide wieder in Ihr früheres Arbeitsgebiet versetzt. In Caritonville wird bis auf unbestimmte Zeit nicht mehr missioniert.”
Diesmal weinte ich doch, als ich die Neuigkeit meinem Mitarbeiter mitteilte. An meinem Bett sank ich auf die Knie und bat den Herrn, mir zu vergeben. Er hatte mich berufen, eine Familie von vorzüglichen Geistern aufzusuchen, die bereit zur Taufe waren. Er hatte gewußt, daß dies für Monate, wenn nicht für das ganze Leben, ihre letzte Gelegenheit war. Jetzt kam mir zu Bewußtsein, wie selbstsüchtig es von mir war, daß ich meinen eigenen Willen haben wollte, und ich versprach dem Herrn, künftig widerspruchslos zu gehorchen, wenn er mich rufen würde.
Etwa eineinhalb Jahre später — es war fast 800 Kilometer von jenem Ort entfernt — saß ich auf der letzten Zeugnisversammlung, der ich auf dem afrikanischen Kontinent beiwohnen sollte, in der vordersten Reihe eines Kirchengebäudes in Rhodesien. Ich sah, wie eine Frau in mittlerem Alter — sie trug ein abgetragenes, aber frisch gewaschenes und gebügeltes Kleid — aufstand, um Zeugnis abzulegen. In überglücklicher Überzeugung dankte sie dem Herrn für ihre Mitgliedschaft in der Kirche, für ihre Gewißheit vom Evangelium und für die beiden Missionare, die an einem verregneten Dienstagabend zu ihrem Haus gekommen waren. Schwester Marshall — um diese handelte es sich — sagte, daß sie und ihr Mann seitdem zwar manche Schwierigkeit hätten durchstehen müssen, daß sie aber immerzu essen und ein Zuhause gehabt hätten — so hatte ich es ihnen verheißen —, weil sie den Zehnten treu bezahlt hätten.
Mark A. Simpkins, Oktober 1975

10:06 AM - 29.4.2008


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