Aspach – Man kennt sie als Schlagersängerin, die sogar die Beatles und Pink Floyd in Deutschland von Platz 1 der Ewigen-Besten-Listen verdrängt hat: Andrea Berg. Weniger bekannt ist, dass sie sich für wohltätige Zwecke engagiert. Insbesondere für das Hospiz in ihrer Heimatstadt Krefeld. Dafür bekommt die in Kleinaspach lebende Sängerin heute im Schloss Bellevue in Berlin von Bundespräsident Horst Köhler das Bundesverdienstkreuz verliehen.
VON INGRID KNACK
Andrea Berg versteht es nicht nur durch ihre Lieder, die Herzen der Menschen zu berühren. Auch wenn sie mit ihren Fans über ihr Engagement für schwerstkranke und sterbende Menschen redet und auf sensible Art andere an ihren Erfahrungen bei den Besuchen im Hospiz teilhaben lässt, bleibt das nicht ohne Folgen: Die Fans sammeln jetzt ihrerseits für das Haus am Blumenplatz oder besuchen selbst die Einrichtung. „Es ist etwas, was überregional funktioniert“, sagt die Sängerin. 1999 war mit den Arbeiten für das Hospiz begonnen worden. Schon zuvor hatte Andrea Berg an Benefiz-Veranstaltungen für diesen guten Zweck teilgenommen.
Mit der Palliativmedizin wurde die Krefelderin schon während ihrer Ausbildung als Arzthelferin konfrontiert. Bereits als 17-Jährige „durfte ich in den OP“. Im Klinikum hat sie alle Abteilungen durchlaufen, auf der Krebsstation sah sie, wie alte und junge Menschen dem Tode geweiht waren. „Das prägt einen schon sehr.“ Sie hat noch die Betten mit „diesen furchtbaren Plastikfolien darüber“ vor Augen, in denen die Kranken lagen, für die’s keine Hoffnung mehr gab.
Diese und andere Erlebnisse, über die man gewöhnlich ungern spricht, spielen alle dabei mit, dass Andrea Berg sich mit großer Ernsthaftigkeit abseits der von vielen Stars praktizierten Vorzeige-Wohltätigkeit und ohne großen Medienrummel für das Hospiz in Krefeld stark macht – finanziell und durch ganz persönliche Zuwendung zu den Bewohnern. Wie sie dazu kam? Eine Rolle spielte dabei, dass die Stiftungs-Vorsitzende Karin Meincke mit dem Bassisten aus ihrer ersten Band verheiratet ist.
Andrea Berg besucht die Menschen im Hospiz regelmäßig, telefoniert immer wieder mit ihnen. Und: „Ich sitze wirklich am Bett, ich kann die Hand halten . . .“. Auf dieses Thema angesprochen, sagt sie Sätze wie „Ich habe geweint mit der Dame und ihrer Tochter. Das hat uns allen gutgetan. Ab einem bestimmten Stadium ist es nicht mehr der Verstand, sondern die Seele, die sich da äußert.“
Auch für die Angehörigen, für die Trauerarbeit nach dem Tod eines geliebten Menschen, sei es wichtig, wie jemand hinübergehe in diese andere unbekannte Welt. Mit einem „Ausdruck von Glück“ oder aber in einer kalten Atmosphäre in einem Krankenhaus, angeschlossen an Apparate. Diese Bilder prägten sich bei den Angehörigen ein, sie seien mit ausschlaggebend, wie der Verlust verarbeitet werden kann.
Das Sterbehaus in Krefeld ist kein Ort, an dem Niedergeschlagenheit den Ton angibt. „Man lacht auch.“ Dass Andrea Berg dort Fans hat und Autogramme geben muss, versteht sich von selbst.
Im Jahr 2007 wurde in dem Areal, das früher einmal ein Kloster war, ein Garten angelegt. Die Sängerin erinnert sich gerne daran, wie dann alle zusammen diesen eroberten – mit oder ohne Rollstuhl. Lustig und ausgelassen sei es da zugegangen. Mit solchen Schilderungen möchte die Künstlerin Berührungsängste nehmen. „Die Menschen haben viel zu viel Angst. Wenn man einmal da war, nimmt man etwas mit.“ Nicht nur neue Energie. Es sind die Gespräche mit den Menschen, „die einem sagen können, worauf es ankommt“, die Spuren hinterlassen.
Das einstige Kloster bezeichnet Andrea Berg als einen Ort des Kommens und Gehens. In der „wunderschönen Kapelle“ werden mitunter Taufen gefeiert. Und so wird diese kleine Oase der Menschlichkeit ein Abbild des ganzen Lebens, von den ersten Schritten auf dieser Erde bis hin zum Tod. Auf dieser Strecke Weges werden Feste gefeiert, Konzerte gegeben, Grillabende veranstaltet, auch im Hospiz. Oder es werden Wünsche erfüllt. Zum Beispiel der der 21-jährigen Sophia, die einen Gehirntumor hatte und im Rollstuhl saß: Sie träumte davon, das Musical „Starlight Express“ live zu erleben. Der Traum wurde wahr. Ein anderer Patient wollte noch einmal in die Berge, wo er mit seiner Frau auf Hochzeitsreise war. „Das haben wir gemacht.“
„Es ist die Liebe,
die ich erleben kann“
Manchmal werden auf diese oder andere Art sogar Familien wieder zusammengeführt. Klar, mit in die Berge ist Andrea Berg nicht gereist, aber wenn jemand mit ihr „im Cabrio um den Block fahren will“, dann macht sie das gerne. Und sie erzählt von einem Aufenthalt im Garten mit einer im Rollstuhl sitzenden Dame, die alle Blumen dort beim Namen nennen konnte. „Es ist die Liebe, die ich erleben kann. Man kann eine Menge lernen.“ Auch, sich über kleine Dinge, Geschenke der Natur zu freuen. „In unser Hospiz kann jeder hingehen“, erklärt die Sängerin. Egal, welcher Konfession er angehört, egal, wie er versichert ist. Bedingung sei nur, und das höre sich jetzt makaber an, „ich muss unheilbar krank und austherapiert sein“.
Wenn Andrea Berg den Bewohnern ihre Zeit schenkt, dann wird auch sie belohnt: Die Gespräche mit den Menschen geben ihr Bodenhaftung. Doch nicht nur für das Hospiz hat sie ein Herz. Man erinnere sich zum Beispiel nur an die siamesischen Zwillinge aus Afrika, die in München getrennt wurden. Auch dort half die Sängerin auf ihre ganz persönliche Art. „Man kann einfach was bewegen, wenn man zusammenhält, Energie hat und sagt: Das kriegen wir hin.“
Quelle: bkz-online |