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Frisch im Kopf

VfB-Stürmer Mario Gomez ist ein Star – benimmt sich aber nicht so

Stuttgart - Der junge Mann macht durchaus den Eindruck, als sei er auf der Höhe der Zeit. Das Auto, ein getunter Mercedes CLS: wirklich nett. Die schwarze Lederjacke: fesch. Schuhe, T-Shirt und Jeans zeigen zudem: Der Mann ist stilsicher. Und er weiß, was angesagt ist. Womöglich auch in Sachen Musik. Also, Herr Gomez, was hört man denn so? Die Antwort überrascht: "Andrea Berg."

Mario Gomez grinst. Die Runde lacht. Der Witz ist angekommen. Andrea Berg singt deutschen Schlager – und der Fußballer, 22 Jahre jung, steht nicht wirklich im Verdacht, ihre CD-Kollektion im Wechsler liegen zu haben. Also klärt er auf: "Das ist die Frau meines Beraters Uli Ferber."


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Es ist kurz nach zwölf am Dienstagmittag – und Mario Gomez hat sich längst akklimatisiert in der Redaktionsrunde unserer Zeitung, die ihm anfangs ein wenig bedrohlich erscheint. 33 fragende Augenpaare, alle auf einen gerichtet. Auf ihn, den Star des VfB. Grund zur Blockade? Von wegen. Nicht abwehrend, nicht defensiv, sondern offen, vertrauensbildend präsentiert sich Gomez. Er betritt den Raum und begrüßt die Gastgeber einzeln und mit einem festen Händedruck, dann nimmt er Platz. Die Freundlichkeit ist ausgesandt, nun lässt er aber zumindest Vorsicht walten: Die Arme verschränkt er vor der Brust – wer weiß, was kommt?

Es kommt das, was Gomez mittlerweile gewohnt ist. Fragen, Antworten, Neugier. Doch es geht an diesem Vormittag um mehr als um verlorene Spiele oder erzielte Tore. Es geht um Mario Gomez, den Menschen. Um einen, dem Experten nachsagen, er sei mindestens 35 Millionen Euro wert. Um einen, der in jungen Jahren viel Geld verdient. Und um einen, der trotz allem nicht überdreht wirkt.

"Man darf das alles nicht zu hoch hängen," sagt er. Das ist kein Appell an die Außenwelt, es ist seine innere Überzeugung. Natürlich weiß er, dass er sich unterscheidet von anderen 22-Jährigen. "Für mein Alter verdiene ich viel Geld", räumt er ein – und unternimmt erst gar nicht den Versuch, das herunterzuspielen. Er erzählt lieber, dass er sich auch mal das leistet, was ihm gefällt. Doch er betont: Der maßlose Umgang mit dem, was sein Konto bereichert, ist ihm fremd. "Natürlich schaue ich beim Einkaufen auf den Preis", sagt er, "wer das nicht macht, hat keinen Bezug zum Geld." Gomez hat ihn. Er hat ihn mitbekommen. Von den Eltern. "Gott sei Dank."

Das Elternhaus im oberschwäbischen Unlingen, die Ursprünge der zuletzt so steilen Karriere – immer wieder dient es auch VfB-Trainer Armin Veh als Argument, wenn er beschreiben soll, wie seine Jungstars den rasanten Aufstieg denn so wegstecken. "Das sind gute Jungs", sagt der Coach dann über Tasci, Khedira und eben Gomez, "die haben alle ein intaktes Umfeld." Ein gutes Elternhaus eben. Das hilft auch Mario Gomez. In der eigenen Einschätzung – und in der Einordnung seiner Bezüge. "Mein Vater", erzählt er, "sagt mir oft genug, wie schwer er sein Geld verdient." Pepe Gomez, ein Spanier, führt ein Malergeschäft.

Sein Sohn gilt als vielleicht größtes Talent des deutschen Fußballs. Oder auch schon ein wenig mehr. Gomez’ Lebenslauf jedenfalls spricht dafür. Champions-League-Debüt mit 18, erstes Bundesligator mit 20, Nationalspieler und Deutscher Meister mit 21. Die Entwicklung rasant zu nennen, wäre untertrieben. Und die Sorge, hier könne ein junger Mann überfordert sein, ist berechtigt. Bei Gomez scheint sie aber unbegründet. Der Angreifer wirkt reif – und begegnet dieser überdrehten Branche angenehm unaufgeregt. "Ich bin", sagt er, "der gleiche Mensch geblieben." Das sagen viele, Gomez nimmt man es ab.

Seit er in der Nationalmannschaft Tore schießt, erzählt der Stürmer, würden ihn auch Leute erkennen, die sich sonst nichts aus Fußball machen. Aber auch das verändere sein Leben nicht. "Mein Freundeskreis besteht seit zehn oder 15 Jahren", sagt er, "die sind quasi mitgewachsen." Und sorgsam ausgesucht.

So sorgsam lauscht er auch den Fragen, die nicht abebben. Die Runde hat Spaß, Gomez auch. Zumindest der Körpersprache nach. Die verschränkten Arme haben sich längst gelöst, er hat es sich bequem gemacht. Wobei: Bequem ist bei einem wie ihm wohl das falsche Wort. Gut, Talent hat er schon immer gehabt, damals in Unlingen, dann beim FV Bad Saulgau und auch später in Ulm. Doch was folgte, war harte Arbeit. "Mit 14, 15 Jahren, das ist die entscheidende Zeit", findet Gomez. Da zeigt sich, ob es einer packt. Ob einen die Tücken der Pubertät vom Weg abbringen, oder ob die Doppelbelastung aus Schule und Sport Erfolg nach sich zieht. "Keine einfache Zeit", erinnert sich Gomez an die Tage, als er zunächst die Linden-Realschule, später dann das Cotta-Wirtschaftsgymnasium besucht: "Morgens musst du im Kopf frisch sein, abends in den Beinen." Gomez hat beides hinbekommen.

Vor allem die Sache mit dem Kopf zeichnet ihn aus. Keine Frage, auf die er keine Antwort wüsste, keine Falle, die er nicht zu umschiffen weiß. Welcher Verein denn den besten Fußball spiele, will einer wissen. Gomez Antwort: "Jeder Verein, den ich jetzt nenne, wird als mein künftiger Club genannt." Ach ja, die Wechselgerüchte. Gomez, so sagen die Experten, werde demnächst zu groß für seinen Club, den VfB. Ein Verein, der stets um seine Rolle im Führungszirkel der Bundesliga kämpft, könne nicht die Zukunft des potenziellen Angreifers im Weltformat sein. Also: Wann und wohin? Erstmal nirgendwohin. "Ehrlich", sagt Gomez, "ich habe mir darüber noch keine Gedanken gemacht." Zumindest keine konkreten. Doch klar ist: "Irgendwann will ich ein neues Land, eine neue Liga kennenlernen." Der Zeitpunkt sei offen – und derzeit uninteressant. Es gebe doch gerade so viel anderes zu tun.

Mit dem VfB, derzeit Sechster, hat er die Champions League noch fest im Blick, Platz fünf soll es mindestens werden. Das ist ihm wichtig, schließlich sei er mitverantwortlich, sollte es mit dem Uefa-Cup nichts werden ("Dann habe ich zu wenig Tore geschossen"). Und dann ist da ja noch dieses nicht gerade unbedeutende Ereignis im Juni. "Die EM wird mein erstes großes Turnier", sagt Gomez voller Vorfreude. Bundestrainer Joachim Löw hat ihm die Teilnahme praktisch zugesichert, eine Führungsrolle scheint reserviert. Doch Gomez hält es auch hier wie im übrigen Leben: Sich selbst will er nicht zu wichtig nehmen: "Das Wichtigste ist, dass wir Europameister werden."

Europameister – und damit noch bekannter. Noch begehrter. Noch mehr in der Rolle des Idols. Das Gespräch neigt sich dem Ende zu, als die Vorbildfunktion von Profi-Fußballern zum Thema wird. Und – die Runde ahnt es zu diesem Zeitpunkt längst – auch dieser Verantwortung ist sich Mario Gomez bewusst. "Ich weiß, dass ich Kinder und Jugendliche besonders anspreche", sagt der 22-Jährige, der vor gar nicht allzu langer zeit selbst noch Idole hatte. Also bedauert er auch die verbale Entgleisung, als er den KSC-Abwehrspieler Maik Franz beleidigt hatte. "Der Sohn von unserem Co-Trainer meinte: Wenn der das darf, dann darf ich das auch." Darf er aber nicht. Also hat sich Gomez entschuldigt.

Denn er ist einer mit Anstand, mit gutem Benehmen, mit Stil. Das ist geklärt, als Mario Gomez um kurz nach halb eins den Raum verlässt. Ungeklärt bleibt nur eines: die Sache mit dem Musikgeschmack.
 

Dirk Preiß, StN

 

Quelle: Stuttgarter Nachrichten


 

Geschrieben: 3:32 PM, 30.4.2008

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